Hallo an alle!
Wollt schon lang mal so einen Thread starten. Möchte aber sicher keinen in Versuchung führen, nicht dass ihr meint
Es ist doch so, dass viele einen (zu?) großen Respekt davor haben, ein Meerwasseraquarium einzurichten und zu betreiben. Den hatte ich auch und diese Vorsicht hat sicher etwas Gutes, weil man einfach mit mehr Bedacht bei der Sache ist und es nicht zu locker nimmt. Gerade am Anfang muss man auch wirklich einiges beachten, aber im Grunde ist es wie beim Süßwasser: mit der Zeit traut man sich einfach mehr.
WAS UNTERSCHEIDET EIN MW-AQU. VON EINEM SW-AQU.?
- LICHT: die Fische brauchen das spezielle Licht eigentlich nicht, aber die Korallen bzw. die symbiotischen Zooxanthellen, die in den allermeisten (im Aqu. haltbaren) von ihnen leben und Photosynthese betreiben. Darum reicht eine gewöhnliche Lampe nicht, zumindest dann nicht, wenn man etwas heiklere Korallen pflegen will. Früher empfahl man immer HQI-Strahler, die heutigen T5-Röhren sind aber so gut, dass man darauf verzichten kann. Zumindest bei Becken, die nicht zu hoch sind (HQI strahlt viel weiter in die Tiefe). Ideal ist ein Lichtbalken mit z.B. zwei (besser drei) Röhren, wovon eine Blaulicht sein sollte und die anderen weißes Licht. Die MW-geeigneten Leuchtstoffröhren sind aber leicht wie alle anderen im Aquaristik-Fachhandel (genauso Versand) zu beziehen und auch nicht viel teurer. An Watt rechnet man ca. 1W pro Liter, es geht aber auch mit weniger.
- STRÖMUNG: Im MW-Becken braucht es im Normalfall mehr Strömung. Eine oder mehrere Strömungspumpen sind empfehlenswert, es geht aber auch mit normalen Filterpumpen.
- FILTER: Man braucht in der MW-Aquaristik nämlich normalerweise keine Filterung, die Filterbakterien auf den Steinen erledigen das. Alles andere ist optional, aber kein Muss.
- ABSCHÄUMER: Dafür werden meist Abschäumer verwendet, die in etwa die Funktion der Wellen im Meer erfüllen und viele unerwünschte Stoffe frühzeitig aus dem Wasserkreislauf entfernen.
- BODENGRUND: Man verwendet den sog. "Live Sand" oder einfach gröberen Korallenbruch, ganz nach Wunsch. U.a. kommt dadurch auch der höhere ph-Wert zustande und wird stabilisiert.
- WASSER: Natürlich braucht es SALZ. Ca. 35g/Liter, auch etwas von der Marke abhängig. Dazu ist eine halbwegs genaue Waage nötig. Man rührt das Salz getrennt an und gibt es dann dem Becken zu bzw. wechselt es. Zum Salzmessen verwendet man ein günstiges Aräometer oder ein Refraktometer, das teurer ist, dafür aber genauer geht.
- EINRICHTUNG: Gestein, am besten (zumindest zum Teil) "Lebendgestein", das viele der nützlichen Bakterien bereits mitbringt.
- BEWOHNER: Man pflegt in der Regel viel weniger Tiere, auch gibt es kaum Schwarmfische, die meisten Arten bilden Pärchen oder sind überhaupt nur allein zu halten. Viele Fische sind übrigens Geschlechtswandler! Dafür gibt es viele interessante Tierarten, die es im SW nicht gibt: Seeigel, Seesterne (wenige Arten allerdings gut zu halten!), Schlangensterne, Anemonen, ...
SO RICHTET MAN EIN MW-BECKEN EIN (auch wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, das ist halt eine davon):
1) Becken austellen, am besten mit Sicherheitsunterlage. Günstig ist (unbedingt bei größeren Becken!): nochmals eine Scheibe Plexiglas auf dem Aquarienboden wegen den Steinen, die draufkommen. Auch Beleuchtung sollte gleich montiert werden.
2) Meerwasser anrühren und einfüllen. Am besten mit warmem Wasser, dann löst sich das Salz besser. (Geht natürlich auch im noch leeren Becken). Salzkonzentration messen. Sollte ca. bei 1022 bis 1028ppm bzw. 32-35Promill liegen, so in etwa.
3) Sand einfüllen. Sollte eine ca. drei bis fünf cm hohe Schicht ergeben. Etwas mehr schadet nicht, ist aber etwas "gefährlich", weil sich im Sand mit der Zeit Phosphat-Debots bilden können. Das Wasser ist zunächst sehr trüb, spätestens in ein oder zwei Tagen aber sollte das Wasser kristallklar sein.
4) Technik wie Pumpen, Filter in Betrieb nehmen. Beleuchtung sollte noch abgeschaltet bleiben. Am besten gleich "animpfen" durch ein paar kleinere Steinchen aus einem eingefahrenen Becken und einer guten Handvoll Sand.
5) Nach einigen Tagen die Steine kaufen. Man rechnet 1kg Steine pro 10l Wasservolumen. Die Steine sollten nicht einfach auf den Sand gestellt werden, sondern FEST (wegen Einsturzgefahr!) auf dem Boden stehen, der durch die Plexiglas-Scheibe nochmals gesichert ist. Um einen Steinaufbau zu gestalten, kann man einfach Korallenkleber verwenden oder - v.a. bei größeren Becken - auch künstliches Harz oder "Zement", die für die Verwendung in Aquarien geeignet sind und die man leicht über den Handel beziehen kann.
6) Jetzt beginnt die richtige Einfahrphase. Es tut sich eine Menge im Becken und auf den Steinen sind auch die ersten Anzeichen von Leben zu sehen. Mit der Beleuchtung beginnt man jetzt langsam und erhöht schrittweise, damit nicht unerwünscht Algen das ganze Becken einnehmen. Zur Algenprophylaxe kann man sich auch ein paar Büschel "höherer Algen" besorgen, die den anderen eine Nährstoffkonkurrenz bieten.
7) Nach einer bis drei Wochen, sofern alles gut verläuft, kann man die ersten Einsiedler und Schnecken einsetzen. Diese müssen zu Beginn nicht gefüttert werden, sondern machen sich über die Algen und Co im Becken und auf den Steinen her. Bald kann man dann auch die ersten robusten Korallen (vorzugsweise Weichkorallen einsetzen), die den Algen wiederum Konkurrenz bieten und ihnen vorbeugen.
8) Wenn alles gut verläuft, kann man nun auch die ersten anderen Tieren hinzusetzen. Will man Steinkorallen pflegen, muss man Nitrate und Phosphate umso genauer im Auge behalten und spärlicher mit Verbrauchern besetzen.
"Traditioniell" werden in der MW-Aquaristik Filterbecken verwendet. Das hat den Vorteil, dass man beim Wasserwechsel eine einfache Handhabe hat und das Becken insgesamt stabiler läuft. Auch kann man im Filterbecken ein Refugium für höhere Algen und spezielle Tiere bereitstellen. Nötig ist es aber meiner Meinung nach nicht, ich habe auch schon einige Becken gesehen, die ohne Filterbecken auskommen und dabei gut laufen! Man spart sich so die ganze Verrohrung, hat aber weniger Filterfunktion.
NOCH ZU BEACHTEN:
- Strömung: der Beckeninhalt sollte etwa 10x pro Stunde umgewälzt werden. Für ein 60l-Becken sollte man also eine Pumpe ab 500l/h verwenden.
- Wasser verdunstet, das Salz aber nicht. Deshalb muss regelmäßig mit Süßwasser (aus der Leitung) nachgefüllt werden.
- Man sollte es auf keinen Fall mit dem Füttern übertreiben! Lieber so oft wie möglich am Tag nur kleine Mengen füttern. Deshalb sollte man sich gut überlegen, wie viele Tiere man einsetzt, die man entsprechend gut füttern kann, ohne einen Beckenkollaps zu riskieren. Hier gilt aber im Grunde genau dasselbe wie im Süßwasser.
- Wer Seepferdchen halten will, braucht ein ganz anderes Becken! Bisher habe ich das sog. "Riffbecken" beschrieben. Seepferdchen brauchen weniger Strömung und lieber viele höhere Algen als Steine. Die Fütterung ist etwas heikel. Hier sollte man sich auf ein Artenbecken beschränken, da Seepferdchen ziemlich schwer zu vergesellschaften sind.
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Oft hört man auch, MW-Aquarien seien so TEUER. Das stimmt auch, hält sich aber in Grenzen, wenn man es mit den Ausmaßen des Beckens nicht gleich übertreibt.
Man kann in etwa rechnen:
Steine/kg ("lebende"): 15-17,- im Geschäft, 10,- oder günstiger privat.
Salz: fällt kaum ins Gewicht, pro kg Salz zahlt man bei einem Kübel von 20 oder 25kg vielleicht 2-3 Euro.
Becken kann man eines hernehmen, das früher für Süßwasser eingesetzt war. Wenn man ein Filterbecken haben will, braucht man noch die Bohrungen.
Beleuchtung: das könnte etwas teurer werden. Ein Lichtbalken aus dem Süßwasser kann aber genauso mit MW-tauglichen Röhren bestückt werden.
Strömungspumpen: sind teils recht kostengünstig zu haben, wobei es natürlich auf die Größe ankommt.
Sand: Der "Live Sand" ist ziemlich teuer! Man kann aber auch Korallenbruch verwenden, ist relativ günstig und diesen "animpfen". Die Einfahrphase dauert so einfach etwas länger, sollte aber kein Problem sein.
Abschäumer: gibt es motor- wie auch luftbetrieben. Hier ist preislich alles drinnen.
Richtig teuer sind dann natürlich die Korallen und anderen Tiere, wobei man umso mehr zahlt, je seltener und leuchtender die Farben bei den Korallen sind.
Ich hoffe aber, ich habe gezeigt, dass man im Prinzip aus einem SW-Aqu. relativ unproblematisch ein MW-Becken machen kann. Mein Vorschlag wäre halt, mit einem kleineren Becken zu beginnen und so erste Erfahrungen zu sammeln.
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ALTERNATIVEN zu herkömmlichen Geschäften?
Bei den Korallen ist es ohne Weiteres möglich, von Bekannten Ableger zu bekommen, das geht bei den allermeisten Arten ganz gut.
Fische, Garnelen usw. aber wird man kaum aus privaten Nachzuchten bekommen und ist mehr oder weniger auf den Handel angewiesen. Allerdings kann man bei Beckenauflösungen usw. oft Tiere bekommen, die gut im Futter stehen und auch relativ preiswert vermittelt werden. Es gibt ein österr. Forum mit vielen aktiven Mitglieder:
Riffaquaristik Austria | Riffaquaristik Austria Portal.
Was einem besser gefällt (Süß- oder Meerwasser) muss natürlich jeder selbst entscheiden. Es hat sicher beides seine besonderen Reize und Vorzüge.
Ich finde aber, dass man sehr wohl beides zugleich machen kann, auch wenn das leider bei den wenigsten der Fall ist (meist ist es einfach so: wer mit Meerwasser anfängt, hat seine Karriere in der Süßwasser-Aquaristik beendet).
So, hoffe es ist für die oder den eine(n) oder andere(n) interessant
Hab über vieles natürlich gar nichts gesagt, aber wenn wen was Spezielleres interessiert, kann ich vielleicht Auskunft.
Lg, Stefan